KI‑Kompass
Kompass

Verzerrung in Daten

Woher systematische Benachteiligung kommt, wie man sie misst und warum sich mehrere Fairnessmaße nachweislich nicht gleichzeitig erfüllen lassen.

·2 Min. Lesezeit·Von Fachredaktion Technik·Geprüft von Fachbereich Governance
DETAILGRAD
3 Abschnitte

Woher sie kommt

QuelleBeispiel
Historische VerzerrungFrühere Entscheidungen waren selbst benachteiligend
StichprobenverzerrungEine Gruppe ist in den Daten unterrepräsentiert
MessverzerrungEin Merkmal wird für eine Gruppe ungenauer erfasst
EtikettenverzerrungDie Bewertung war für Gruppen unterschiedlich streng
RückkopplungDas Modell beeinflusst die Daten, aus denen es weiterlernt

Die letzte ist die tückischste: Ein Modell, das bestimmte Bewerbungen nicht weiterleitet, erzeugt nie Daten darüber, wie erfolgreich diese Personen gewesen wären.

Messen statt vermuten

import numpy as np, pandas as pd

def fairness_bericht(y_wahr, y_pred, gruppe):
    df = pd.DataFrame({"y": y_wahr, "p": y_pred, "g": gruppe})
    zeilen = []
    for g, teil in df.groupby("g"):
        tp = ((teil.p == 1) & (teil.y == 1)).sum()
        fp = ((teil.p == 1) & (teil.y == 0)).sum()
        fn = ((teil.p == 0) & (teil.y == 1)).sum()
        tn = ((teil.p == 0) & (teil.y == 0)).sum()
        zeilen.append({
            "Gruppe": g, "n": len(teil),
            "Auswahlrate": round((tp + fp) / len(teil), 3),
            "Trefferquote": round(tp / max(tp + fn, 1), 3),
            "Fehlalarmrate": round(fp / max(fp + tn, 1), 3),
            "Genauigkeit der Zusage": round(tp / max(tp + fp, 1), 3),
        })
    return pd.DataFrame(zeilen)

Diese Tabelle je Gruppe ist der Mindeststandard. Eine Gesamtgenauigkeit ohne Aufschlüsselung sagt über Gleichbehandlung nichts aus.

  • Gruppen mit weniger als etwa 100 Fällen nicht bewerten, sondern als „zu wenige Daten" ausweisen.
  • Auch Schnittmengen prüfen, nicht nur einzelne Merkmale.
  • Die Messung wiederholen, wenn sich der Schwellwert ändert.

Die drei gängigen Kriterien

Demografische Parität, Chancengleichheit, Kalibrierung

Demografische Parität: P(Ŷ=1 | A=a) gleich für alle a Chancengleichheit: P(Ŷ=1 | Y=1, A=a) gleich für alle a Kalibrierung: P(Y=1 | S=s, A=a) gleich für alle a

Gleiche Auswahlrate, gleiche Trefferquote bei gleichem tatsächlichem Ergebnis, oder gleiche Bedeutung des Scores in allen Gruppen.

Ŷ
die Vorhersage
Y
das tatsächliche Ergebnis
A
das geschützte Merkmal
S
der Score des Modells

Der Unvereinbarkeitssatz

Sind die tatsächlichen Grundraten zwischen zwei Gruppen verschieden und ist der Klassifikator nicht perfekt, dann können Kalibrierung und ausgeglichene Fehlerraten nicht gleichzeitig gelten. Das ist kein Umsetzungsproblem, sondern ein Ergebnis, das sich aus den Definitionen ergibt.

Praktische Folge: Man wählt ein Kriterium, begründet die Wahl fachlich und rechtlich, dokumentiert sie und weist die verbleibenden Unterschiede in den anderen Kriterien aus. Eine Behauptung, ein System sei „fair", ohne das zugrunde gelegte Kriterium zu nennen, ist inhaltsleer.

Der Vier-Fünftel-Anhaltspunkt

Verhältnis der Auswahlraten

Verhältnis = SR_a / SR_max , Anhaltspunkt bei < 0,8

Liegt die Auswahlrate einer Gruppe unter vier Fünfteln der höchsten, gilt das als Anhaltspunkt für eine mittelbare Benachteiligung.

SR_a
Auswahlrate in Gruppe a
SR_max
höchste Auswahlrate über alle Gruppen

Der Wert stammt aus der US-amerikanischen Praxis und ist im europäischen Recht kein Schwellenwert. Als Auslöser für eine genauere Prüfung ist er trotzdem brauchbar: Ein Verhältnis unter 0,8 sollte nie unkommentiert bleiben.

Was zu tun ist

  1. 01

    Vor dem Modell: die Daten

    Unterrepräsentierte Gruppen gezielt nacherheben. Das wirkt stärker als jede algorithmische Korrektur.

  2. 02

    Im Modell: Nebenbedingungen

    Fairnessbedingungen in die Optimierung aufnehmen. Wirksam, aber die Wahl des Kriteriums bleibt normativ.

  3. 03

    Nach dem Modell: Schwellwerte

    Gruppenspezifische Schwellwerte sind wirksam und rechtlich heikel, weil sie eine unmittelbare Ungleichbehandlung darstellen können.

  4. 04

    Immer: Dokumentation

    Gemessene Werte je Gruppe, gewähltes Kriterium, Begründung, verbleibende Unterschiede.

Passende Kurse und Quellen

DatensatzKostenlosEN

Common Crawl

Der offene Abzug des Webs, aus dem ein großer Teil der Trainingsdaten von Sprachmodellen stammt. Zeigt konkret, was in einem Vortraining tatsächlich steckt.

Für alle, die wissen wollen, woher ein Modell sein Wissen hat, und für die Frage nach dem Nutzungsvorbehalt.

StudieKostenlosEN

Datasheets for Datasets

Herkunft, Zusammensetzung und Einschränkungen eines Datensatzes dokumentieren. Die Vorlage, aus der die heutigen Dokumentationspflichten stammen.

Für alle, die Datensätze dokumentieren müssen; die Vorlage der heutigen Pflichten.

StudieKostenlosEN

Gender Shades

Die Untersuchung, die zeigte, wie stark Gesichtserkennung je nach Hautton und Geschlecht danebenliegt. Der Auslöser der heutigen Regeln.

Für jede Diskussion über Gesichtserkennung: die Untersuchung, die die heutigen Regeln ausgelöst hat.

DatensatzKostenlosEN

Hugging Face Datensätze

Offene Datensätze mit Beschreibung, Lizenz und Vorschau. Nützlich für Bewertungssätze, riskant als Trainingsgrundlage ohne Herkunftsprüfung.

Für Bewertungssätze gut, als Trainingsgrundlage nur mit Herkunfts- und Lizenzprüfung.

Hugging FaceZum Angebot
DatensatzKostenlosEN

ImageNet

Der Datensatz, an dem sich Bildverarbeitung über ein Jahrzehnt gemessen hat. Historisch wichtig und in seinen Verzerrungen gut dokumentiert.

Für alle, die Benchmarks lesen wollen: fast jede Zahl zur Bilderkennung bezieht sich hierauf.

BuchKostenlosEN

Interpretable Machine Learning

Was Verfahren zur Erklärbarkeit leisten und wo sie überinterpretiert werden. Die nüchternste Darstellung des Themas, frei verfügbar.

Für alle, die Erklärbarkeit versprechen müssen und wissen sollten, was Verfahren wirklich leisten.

War diese Seite hilfreich?
Verzerrung in Daten