Welche Mathematik KI wirklich braucht
Eine Landkarte: welche vier Gebiete der Mathematik in KI-Systemen tatsächlich vorkommen, wozu jedes davon gebraucht wird und welches man getrost überspringen kann.
Worum es geht
Ein Sprachmodell ist im Kern eine sehr lange Kette von Multiplikationen und Additionen. Kein Schritt darin ist schwierig. Schwierig ist nur die Menge: ein mittelgroßes Modell führt für jedes einzelne Wort einige Milliarden solcher Rechnungen aus.
Deshalb lohnt sich Mathematik hier anders, als man erwartet. Man braucht sie nicht, um die Rechnungen selbst zu machen, sondern um zu verstehen, welche Größe wovon abhängt. Wer das versteht, kann vorhersagen, was passiert, wenn man ein Modell größer macht, mit anderen Daten füttert oder auf schwächerer Hardware betreibt.
Die vier Gebiete
| Gebiet | Beantwortet die Frage | Kommt vor bei |
|---|---|---|
| Lineare Algebra | Was wird gerechnet? | Jeder Schicht eines Netzes, jedem Embedding, jeder Ähnlichkeitssuche |
| Analysis (Ableitungen) | Wie wird gelernt? | Training, Gradientenabstieg, Backpropagation |
| Wahrscheinlichkeit | Wie sicher ist das? | Ausgabeverteilung, Sampling, Konfidenz, Bewertung |
| Information und Entropie | Wie gut ist das? | Verlustfunktion, Perplexität, Kompression |
Man kann jedes dieser Gebiete für sich lesen. Sie hängen aber in einer festen Reihenfolge zusammen: die lineare Algebra beschreibt den Vorwärtsweg durch das Modell, die Ableitung den Rückweg, die Wahrscheinlichkeit die Ausgabe und die Entropie den Abstand zwischen Ausgabe und Wunsch.
Was man getrost weglassen kann
Für das Verständnis moderner KI braucht man keine Differentialgeometrie, keine Maßtheorie, keine Funktionalanalysis und keine komplexen Zahlen. Diese Gebiete kommen in der Forschungsliteratur vor, aber nicht in der Erklärung dessen, was ein Modell tut.
Was man mit jedem Gebiet konkret ausrechnen kann
- 01
Lineare Algebra: die Größe eines Modells
Ein Netz mit 32 Schichten, einer Breite von 4096 und einem Zwischenschichtfaktor von 4 hat rund 32 × (4 × 4096²) ≈ 2,1 Milliarden Parameter allein in den Zwischenschichten. Diese Zahl ist eine reine Matrizenrechnung, und sie sagt Ihnen unmittelbar, wie viel Speicher Sie brauchen.
- 02
Ableitungen, warum Training so viel teurer ist
Der Rückwärtsdurchlauf kostet ungefähr das Doppelte des Vorwärtsdurchlaufs. Training ist damit rund dreimal so teuer wie Inferenz je Token, bevor überhaupt etwas über die Anzahl der Durchläufe gesagt ist.
- 03
Wahrscheinlichkeit: was Temperatur tut
Die Temperatur teilt die Logits, bevor daraus Wahrscheinlichkeiten werden. Bei Temperatur 0 wird immer der wahrscheinlichste Token gewählt, bei Temperatur 1 wird gemäß der Modellverteilung gewürfelt.
- 04
Entropie: was Perplexität bedeutet
Eine Perplexität von 12 heißt sinngemäß: das Modell ist im Mittel so unsicher, als müsste es zwischen zwölf gleich wahrscheinlichen Fortsetzungen wählen.
Ein Lernweg, der funktioniert
- Zuerst Vektoren und Matrizen, bis das Skalarprodukt als Ähnlichkeitsmaß selbstverständlich ist.
- Dann die Kettenregel, bis klar ist, warum ein Fehler durch viele Schichten zurückwandern kann.
- Dann bedingte Wahrscheinlichkeit und der Satz von Bayes.
- Zuletzt Entropie und Kreuzentropie, weil sie beides zusammenführen.
Die vier Gebiete in einer Formelzeile
Der gesamte Trainingsvorgang eines Sprachmodells lässt sich in einer Zeile zusammenfassen, in der alle vier Gebiete auftauchen.
f(x; θ)ist lineare Algebra: eine Kette von Matrixmultiplikationen.∇θist Analysis: die Kettenregel, angewandt über alle Schichten.- Die Ausgabe von
fist eine Wahrscheinlichkeitsverteilung. List Informationstheorie: die Kreuzentropie zwischen Wunsch und Ausgabe.
Aufwandsabschätzung
Für ein Transformer-Modell mit N Parametern und D Trainingstoken gilt als
Faustformel für die Anzahl der Fließkommaoperationen im Training:
Durchgerechnet für ein Modell mit 7 Milliarden Parametern und 2 Billionen
Token: C ≈ 6 × 7e9 × 2e12 = 8,4e22 FLOPs. Eine Beschleunigerkarte mit
effektiv 400 TFLOP/s (also 4e14 FLOP/s) bräuchte dafür rund 2,1e8 Sekunden,
also etwa 6,7 Jahre. Mit 1000 Karten bei 50 % Auslastung sind es knapp fünf
Tage. Diese Rechnung erklärt die Struktur des gesamten Marktes.
Was diese Sicht nicht leistet
Die Faustformeln sagen nichts über Qualität. Zwei Modelle mit identischem
Aufwand können sich um Größenordnungen in der Nützlichkeit unterscheiden, weil
Datenqualität, Curriculum und Nachtraining nicht in N und D stecken. Die
Mathematik begrenzt das Mögliche; sie garantiert nichts.
Passende Kurse und Quellen
Mathematics for Machine Learning
Genau die Mathematik, die maschinelles Lernen braucht, ohne den Rest. Lineare Algebra, Analysis und Wahrscheinlichkeit in einem Band, frei als PDF.
Für alle, die genau die Mathematik wollen, die maschinelles Lernen braucht, und nicht mehr.
MIT 18.06 Lineare Algebra
Gilbert Strangs Vorlesung, vollständig als Video mit Übungen. Wer Vektoren, Matrizen und Projektionen einmal wirklich verstehen will, findet hier die Referenz.
Für alle, die lineare Algebra einmal wirklich verstehen wollen statt sie nachzuschlagen.