KI‑Kompass
Kompass

Sprachsynthese

Vom Text zur Stimme: wie moderne Systeme klingen, was Stimmklonen technisch bedeutet und welche Kennzeichnungspflichten gelten.

·3 Min. Lesezeit·Von Fachredaktion Technik
DETAILGRAD
3 Abschnitte

Die Idee

Ein Text wird zuerst in Lautschrift und Betonung übersetzt, daraus entsteht ein Zeit-Frequenz-Bild, und aus diesem Bild erzeugt ein zweites Modell die Schallwelle. Die Trennung in zwei Stufen ist der Grund, warum sich Stimme, Sprechweise und Inhalt getrennt steuern lassen.

Wozu es gut ist

  • Vorlesefunktion für Dokumente und Barrierefreiheit.
  • Ansagen und Sprachdialoge.
  • Schulungsmaterial und Untertitelung.
  • Mehrsprachige Fassungen ohne neue Aufnahme.

Der Aufbau

  1. 01

    Textnormalisierung

    Zahlen, Abkürzungen, Datumsangaben ausschreiben. „§ 3 Abs. 2" muss zu „Paragraf drei Absatz zwei" werden.

  2. 02

    Lautschrift

    Umwandlung in Phoneme, mit Wörterbuch für Eigennamen und Fachbegriffe.

  3. 03

    Akustisches Modell

    Erzeugt daraus ein Mel-Spektrogramm samt Dauer und Betonung.

  4. 04

    Vocoder

    Erzeugt aus dem Spektrogramm die eigentliche Wellenform.

Die erste Stufe wird regelmäßig unterschätzt und verursacht die meisten hörbaren Fehler. Ein Betrag wie „1.250,50 EUR" muss zu „eintausendzweihundertfünfzig Euro fünfzig" werden, und eine falsche Regel dafür fällt jedem Hörer sofort auf.

Was die Qualität ausmacht

FaktorWirkung
Textnormalisierungsehr groß, häufigste Fehlerquelle
Aussprachewörterbuchgroß bei Fachtexten
Betonung und Pausengroß für die Verständlichkeit
Vocoder-Qualitätmittel, heute meist ausreichend
Abtastrategering über 22 kHz

Stimmklonen, technisch

Zwei Wege mit sehr unterschiedlichem Aufwand:

WegMaterialAufwandGüte
Sprecherembedding3 bis 30 Sekundenkeine Anpassung nötigerkennbar, nicht perfekt
Feinabstimmung10 Minuten bis StundenTraining nötigsehr nah am Original

Beim ersten Weg erzeugt ein Encoder aus einer kurzen Probe einen Vektor, der die Stimme beschreibt, und dieser Vektor steuert das Syntheseverfahren. Es ist genau dieselbe Idee wie bei Bild-Embeddings, siehe Embeddings.

Durchgerechnet: die Mel-Skala und der Echtzeitfaktor

Sprachsynthese erzeugt fast nie direkt eine Wellenform, sondern zuerst ein Mel-Spektrogramm. Die Mel-Skala bildet Frequenzen so ab, wie das Ohr sie auflöst: fein im unteren Bereich, grob im oberen.

Mel-Skala

m(f) = 2595 · log₁₀(1 + f / 700)

Die Mel-Tonhöhe ist der Logarithmus der um 700 Hertz verschobenen Frequenz, mit 2595 skaliert.

m
Tonhöhe in Mel
f
Frequenz in Hertz
2595
Skalierungskonstante der gebräuchlichen Näherung

Bei 1.000 Hz ergibt sich 2595 · log₁₀(2,4286) ≈ 1000 Mel. Bei 2.000 Hz sind es 2595 · log₁₀(3,8571) ≈ 1521 Mel. Die doppelte Frequenz ist also nicht die doppelte wahrgenommene Tonhöhe, und genau deshalb wird in Mel gerechnet.

Ein typisches Mel-Spektrogramm nutzt 80 Bänder bei einer Sprungweite von 256 Abtastwerten und 22.050 Hz Abtastrate. Das ergibt 22050 / 256 ≈ 86 Bilder je Sekunde. Eine Sekunde Sprache ist damit eine Matrix von 80 × 86 = 6.880 Zahlen, die das Modell erzeugen muss.

Echtzeitfaktor

RTF = t_synth / t_audio

Der Echtzeitfaktor ist die Rechenzeit geteilt durch die Länge des erzeugten Tons; unter eins heißt schneller als Echtzeit.

RTF
Echtzeitfaktor
t_synth
Rechenzeit der Synthese in Sekunden
t_audio
Länge des erzeugten Signals in Sekunden

Ein Modell, das 10 Sekunden Sprache in 0,4 Sekunden erzeugt, hat einen RTF von 0,04. Für ein Dialogsystem zählt aber nicht der RTF, sondern die Zeit bis zum ersten Ton. Wer den ganzen Satz erst fertig rechnet, wartet spürbar; wer abschnittsweise erzeugt und ausgibt, nicht.

Kennzeichnung

  • Anbieterpflicht. Ausgaben sind maschinenlesbar als künstlich erzeugt zu kennzeichnen, etwa durch ein Wasserzeichen im Signal oder Angaben in den Metadaten.
  • Betreiberpflicht. Wer eine Stimme nachahmt und veröffentlicht, muss das offenlegen. Ausnahmen bestehen für offensichtlich künstlerische oder satirische Werke, mit Einschränkungen.
  • Dialogsysteme. Wer mit einem System spricht, muss erkennen können, dass es kein Mensch ist. Diese Pflicht besteht unabhängig von der Stimmqualität.
  • Dokumentation. Einwilligung der Stimmgeberin, Umfang der Nutzung, Widerrufsmöglichkeit und Löschung der Stimmdaten gehören schriftlich festgehalten.

Wasserzeichen

Verfahren, die eine unhörbare Markierung in das erzeugte Signal einbetten, sind verfügbar und werden von mehreren Anbietern eingesetzt. Ihre Grenzen sind bekannt:

  • Sie überstehen leichte Kompression, aber nicht jede Nachbearbeitung.
  • Sie beweisen die Herkunft aus einem bestimmten System, nicht die Abwesenheit einer Manipulation.
  • Sie helfen bei kooperativen Anbietern und nicht bei absichtlichem Missbrauch.

Für die Praxis heißt das: Ein Wasserzeichen ist eine Sorgfaltsmaßnahme, kein Schutz. Organisatorische Absicherungen wie Rückrufverfahren bei Zahlungsanweisungen sind gegen Stimmbetrug wirksamer als jede technische Erkennung.

Passende Kurse und Quellen

KursKostenlos1200 Min.EN

Hugging Face Audio-Kurs

Vom Signal über Spektrogramme bis zu Erkennung und Synthese, durchgehend mit Code. Die praktische Ergänzung zu den Artikeln über Sprache und Audio.

Für alle, die Sprachtechnik selbst bauen wollen; setzt Python und etwas Signalwissen voraus.

Hugging FaceZum Angebot
War diese Seite hilfreich?
Sprachsynthese